KINETIS - Top oder Flop ?Kritiken zu "Utopie Einsamkeit" Nicht jeder Theatergruppe nimmt ihren Namen derart ernst: „Kinetis“ hingegen stellt seine Mobilität jedes Mal erneut unter Beweis und überrascht mit ungewöhnlichen Konzepten. Utopisch ist es ja bereits einmal zugegangen: im Vorjahr machten vier Darsteller, die sich selber spielten, im Keller des Konzerthauses den Begriff „Familie“ transparent. Diesmal tritt Holger Schober, wie es sich für das Thema „Einsamkeit“ schickt, völlig alleine im Wartesaal auf der obersten Etage das Südbahnhofes auf. Im Grunde war das neueste Projekt als 2-Personen-Stück geplant, doch dann brachte seine Kollegin Isabelle Uhl ihr Kind zwei Monate zu früh auf die Welt und beteiligt sich nun über Videoeinspielungen an der Untersuchungen zur Einsamkeit. Eigentlich hätte gar nichts besseres passieren können, denn so demonstriert „Kinetis“ auch noch auf eine zweite Weise seine Beweglichkeit: als Reaktion auf die geänderten Ausgangsbedingungen stellt Holger Schober einen Erzähl-Theaterabend über die stillen und verrückten Momente des Lebens auf die Beine, der vergnüglicher und anregender nicht sein könnte.
Wer sich übrigens ohne „Kinetis“ einsam fühlt, muss bis zum nächsten März warten: dann wandert die Gruppe in den Rabehof weiter.
franco schedln auf events.atKritiken zu "Fußball ist unser Leben Das Runde gehört ins Eckige
"Das war keine 4-er Kette, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände - ihr spielt ja so lahm wie meine Oma." Der Trainer ist unzufrieden, der Pausenstand lautet acht zu null. "Ich will euch schwitzen sehen" und "Das Runde gehört ins? - Na ins Eckige!", brüllt der Clubpräsident in den engen Mannschaftsraum.
Die Mannschaft lässt die Predigt schmunzelnd über sich ergehen und hat für die verbale Abreibung auch noch bezahlt. Die Spieler sind Theaterbesucher, der tobende Trainer ist Schauspieler und die Kabine befindet sich im dietheater Künstlerhaus. Die Off-Theatergruppen Kinetis, L.U.S.Theater und urtheater haben sich für "Fußball ist unser Leben" zusammengetan und für die Finalspiele der Fußball-EM ein interaktives Davor und Währenddessen gestaltet (bis Sonntag).
FAN-SCHULE Fußball und Theater haben mehr gemeinsam als man denkt. Und auf ein EM-Spiel gilt es sich gründlich vorzubereiten - das Zirkeltraining im dietheater beginnt daher bereits um sieben. Fallrückzieher, Torwandschießen und Schwalben werden trainiert: Die hohe Kunst, ein Foul glaubhaft in Szene zu setzen (natürlich ohne Körperkontakt).
Neben Kabinenpredigt, Schwalbenworkshop und der Station "Wuzeln" lernt man aber auch die hohe Kunst des Fan-Seins. In der Beauty-Ecke werden Landesfarben auf Wangen gemalt, in der Pre-Show wird das Basiswissen aufgefrischt: Welle, Schimpfwörter in der Sprache der Teams und Freud-Fan-Chöre ("Euer Über-Ich ist stärker als ihr denkt").
GÖTTERFUNKE Aufgewärmt, mit Würstl und Bier, beginnt das Spiel. Vor der Leinwand kommentieren Schauspieler den theatralen Wert des Spiels, spielen Szenen auf dem Mini-Rasen nach und tragen Rilke-Gedichte vor. Bei jedem Tor erklingt "Freude schöner Götterfunken".
Grelle Spots und Konfetti lassen dann leider nicht mehr genau erkennen, was auf dem Spielfeld passiert. Nach der Pause schleicht sich das Gefühl der Überanimation ein - es ist eben nicht leicht, ein Theater-Fußball-Fan zu sein.
Judith Schmitzberger und Caro Wiesauer im Kurier"Kritiken zu "Full Frontal Nudity Reloaded Holger Schober gibt sich eine Blöße nach der andern: im zweiten Teil seiner – nach Hollywood-Vorbild als Trilogie angelegten – Seelenstriptease-Talk & Music-Show zeigt der derzeitige Artist in Residence wieder seinen Body of Evidence: er entblättert sich diesmal besonders lustvoll und füllt die Zeit bis zur Erreichung eines erneut angezogenen Zustands mit Geschichten die das Leben schrieb oder Wunscherfüllungsphantasien zusammenfabulierten. Das Konzept ist zwar nicht mehr so überraschend wie beim ersten Mal – aber was soll´s: schließlich trifft man auf diese Art einen alten nackten Bekannten wieder, dessen Eigenheiten und Vorlieben in Sprechweise und Musikgeschmack uns inzwischen wohlvertraut sind.
Die Reloaded Nudity geht allerdings davon aus, dass hier ein Nachahmungstäter am Werk ist, der vor zwei Jahren das Stück des inzwischen weltberühmten Darstellers („Sein Name klingt so ähnlich wie Scheune.“) gesehen hat und nun einen Abend als Alleinunterhalter gestalten muss. Immerhin steht er dabei nicht völlig verlassen im Rampenlicht, sondern teilt sich Auftritt, Unterhose und Applaus mit einem Minischaf, das ihm obendrein im ersten Drittel gute Dienste als Schniedelschutz leistet (- wer das Cover des zoophilen Albums der Tiger Lillies kennt, weiss Bescheid!).
Leider ließ sich von den Zuschauern niemand durch das Angebot einer besonders bevorzugten Behandlung bei unbekleidetem Erscheinen verlocken, aber vielleicht findet ja Teil 3, der laut Vorgabe ziemlich revolutionär ausfallen müsste, bei entschieden freundlicheren Witterungsverhältnissen statt."
Franco schedl auf events.atKritiken zu "Utopie Familie" - Eine biografische Collage "Fünf Menschen – zwei Männer und drei Frauen – sitzen vor uns am Rand einer niedrigen Bühne und tauschen in völlig zwangloser Atmosphäre Familienerinnerungen aus: Geschichten über ihre (Groß)-Eltern, festliche Reminiszenzen, Erfahrungen mit Geschwistern, Streitigkeiten, kindliche Verwunderungen oder einfach komische Kostbarkeiten aus dem individuellen Familienschatz. Jeder sagt, was ihm gerade einfällt – es gibt keine vorgeschriebene Reihenfolge oder thematische Festlegungen, sondern die Erinnerungsschübe werden meist assoziativ ausgelöst.
Von Zeit zu Zeit steht dann einer von ihnen auf, begibt sich in den Hintergrund, der sich als gigantisches Familienalbum erweist (unzählige Fotos wurden an bunte Wäscheleinen angekluppt) und erzählt „seine Geschichte“; die anderen unterstützen ihn dabei mitunter, indem sie pantomimisch Szenen nachstellen und zwischendurch in Fotoposen erstarren.
Mit dem Auskramen rührseliger Erinnerungen hat das alles nichts zu tun und wir befinden uns auch nicht in einer Folge der „Barbara Karlich Show“. Die Frage nach der Authentizität des Erzählten stellt sich erst gar nicht, denn es ist vollkommen belanglos, ob die Lebensgeschichten tatsächlich mit denen der fünf realen Personen 1:1 übereinstimmen; wir wissen es nicht und das ist gut so.
Nachdem jeder an der Reihe war, hören wir zum Abschluss noch ein Märchen, in dem die utopische Sehnsucht nach einer heilen Familie als gar nicht so unerreichbar dargestellt wird.
Das war´s, mehr gibt es nicht – so einfach kann Theater sein! Und ich wage zu behaupten, dass die größte Staatsbühne mit den vereinten Kräften ihrer gesamten Darstellerriege unter Zuhilfenahme der bombastischsten Bühnenkulissen keinen berührenderen und wahreren Theaterabend zu Stande brächte, als die Gruppe „KINETIS“ im Kellerraum des Konzerthauses. Die derzeitigen „Artists in Residence“ Holger Schober und Dana Csapo sind ihrem bewährten Prinzip des „story telling“ treu geblieben, haben es diesmal jedoch noch radikaler als bisher zum Einsatz gebracht und dadurch das Theater als „intimen Raum“ regelrecht neu definiert: die Grenzen zwischen Darsteller und Publikum sind praktisch aufgehoben und es spricht nichts – außer dem Zeitfaktor – dagegen, dass an diesem Abend auch jeder im Zuschauerraum das Wort ergreifen könnte."
Franco Schedl auf events.atKritiken zu "Audition"(KINETIS 8) "Die Gruppe KINETIS (seit Anfang Oktober – mit Recht stolze! – „Artists in Residence“ des dietheater Konzerthaus) bietet mit ihren Produktionen seit jeher bewegendes Theater – diesmal überträgt sich jedoch die Bewegtheit in besonderer Weise aufs Publikum: in den vier mit Silberfolie verkleideten Ecken des Raumes stehen nämlich die Darsteller auf Miniaturbühnen, von denen herab sie in raschem Wortwechsel (der aber nur in ganz seltenen Fällen zum Dialog wird) Bruchstücke aus ihrem Leben erzählen; die Körper der Zuhörer – in dem Dazwischen-Raum auf kreuz quer gestellten Holzbänken verteilt - wenden sich nun pausenlos von einer Seite zur andern, um bei diesem Pinpong-Spiel mit Worten am Ball zu bleiben.
Vier unterschiedliche Charaktere führen vor uns Talentproben in Lebens(un)tauglichkeit aus: da gibt es den schwanzgesteuerten Macho, der nur in den kurzen Momenten der wahren Empfindungen seine ultracoole Sonnenbrille von den Augen nimmt; da ist der sexuell Frustrierte, den seine Exfrau symbolisch kastriert hat; da ist die hoffnungslose Romantikerin, die folgerichtig auch am hoffnungslosesten endet und da ergreift schließlich die ewig mit sich selbst Unzufriedene das Wort, die an ihrem Aussehen verzweifelt und va. ihren Hintern wortwörtlich nicht reichen kann.
Die Lebenswege der Vier überkreuzen sich ständig auf tragi-komische Weise und es ergeben sich lust- leidvolle Paarbildungen, bis der Tod zuletzt einen von ihnen verstummen lässt; doch die allgemeine Erstarrung ist schnell vorüber, das Leben geht weiter – und neues Leben ist unterwegs.
Von allen mir bisher bekannten Theatertexten Holger Schobers ist dieser der reifste: als hätten Woody Allen und Henry Miller gemeinsam einen draufgemacht, reiht der Autor, mit Liebe zum saftigen Detail, eine pointiert zugespitzte Formulierung an die nächste und offenbart ein erstaunliche Begabung im scheinbar so mühelosen Nach-Erzählen ganz alltäglicher Begebenheiten – und dass ein und dasselbe Ereignis jeweils von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird, macht einen zusätzlichen Reiz aus.
Bevor die Artisten wieder weiterziehen, darf man sich hoffentlich noch auf einige neue Arbeiten in ihrer derzeitigen Residenz freuen."
Franco Schedl für yumyum.cc
| Kritiken zu "Salzwasser"(KINETIS 7) |
| "Nicht nur den Iren liegt das Geschichtenerzählen praktisch im Blut - davon legten Dana Csapo und ihr Team einmal mehr auf beeindruckende Weise Zeugnis ab. Eine bessere Vorlage als Connor McPhersons Stück könnte sich die Gruppe KINETIS gar nicht wünschen: kommt doch der Text gerade ihrem Prinzip des „story-telling“ entgegen. Ein längeres Zitat des Autors, das im Programmheft zu finden ist, weist auf die richtige Spur: der Theaterraum verwandelt sich in eine Kneipe, und wir werde Zeugen der feuchtfröhlichen - erst durch Bier- dann durch Whiskey-Konsum angeregten - Gesprächen dreier Freunde: Das Brüderpaar Joe und Frank und Ray, der Unidozent und Freund ihrer Schwester, berichten über die Ereignisse von wenigen Tagen, die auf einschneidende Weise ihr Leben verändert haben. Dabei kann kein Zweifel darüber bestehen, dass tatsächlich wir – als Publikum - es sind, an die das Wort gerichtet wird: die Schauspieler suchen nicht nur den Blickkontakt und treten nahe vor uns hin, sondern einer von ihnen (Boris Pietsch) geht sogar so weit, dass er den Zuschauern aus der ersten Reihe persönlich die Hände schüttelt, ehe er erstmals das Wort ergreift. Jeder der Drei hat ein dramatisches Erlebnis, das ihn aus der Bahn wirft: Joes erotische Verstickungen bringen ihn in Gefahr, Frank wählt für sein unterdrücktes Dasein im Dienst des Vaters einen radikalen Ausbruchsversuch, und Ray bereitet sich auf das Geistesduell mit einem greisen Philosophen vor, um im entscheidenden Moment im wahrsten Sinne des Wortes auf die verhaßte Uni-Clique zu kotzen. Ein Geschichtenmyzel wuchert und verzweigt sich von uns - oft bekommen wir mehrere Versionen desselben Vorgangs zu hören: die eine ergibt sich aus der andern, denn alle sind ineinander verzahnt: sobald der eine abbricht, übernimmt der andere. Nur die Stimmen zählen und nichts soll davon ablenken – so erklärt sich auch die spartanisch anmutende Bühnenausstattung: drei weiße Projektionsflächen rahmen das Spielfeld und in seiner Mitte erhebt sich bloß ein zerklüftetes Podest, von dessen höchster Fläche die Darsteller manchmal zu uns sprechen. Darüber hinaus steigern die sparsam eingesetzten Licht- und Toneffekte die suggestive Wirkung auf verblüffende Weise (und der wunderbare Sternenhimmel, der zu Beginn und am Ende erstrahlt, lädt erst recht zum Träumen ein). Sobald wir des Theater verlassen haben, sind wir selber zum Erzählen aufgelegt – gilt es doch, den andern zu berichten, welch fabelhaften Abend wir gerade erlebt haben." Franco Schedl für yumuym.cc |
| Kritiken zu "Full Frontal Nudity"(KINETIS 6) |
| "Selber schuld, wer sich - durch den Titel verlockt - auf falsche Gedanken hat bringen lassen und im Spielort des „Spielraum“ eine Schaubühne sehen wollte, auf der verführerische Schönheiten einen Strip bis zur völligen Entblößung hinlegen. Weit gefehlt - denn im neuesten Projekt der Gruppe KINETIS steht zwar beim Hell-Werden der Lichter ein nackter Mann (mit züchtig vor der Scham verschränkten Händen) auf der Bühne, doch hier werden trotzdem nicht Körper sondern Seelen entblößt, und der solcherart Enttäuschte wird schleunigst das Weite gesucht haben. Holger Schober ist „Der Nackte“, der immer dieselbe Geschichte erzählt, die uns allen durchaus vertraut ist: sie handelt von verpaßten Gelegenheiten, verpfuschten Glücksmomenten und verpatzten Situationen. Unablässig rekapituliert der Verlierer-Typ (auch Looser genannt) die Tiefpunkte seiner Lebens – und während er so Schicht um Schicht seines Wesens bloß legt, hüllt er sich in ein Kleidungsstück nach dem andern (angefangen von Socken die zum Penisfutteral umfunktioniert werden), und steht zuletzt für diese emotional unterkühlte Welt, in der Arktistemperaturen herrschen, bestens gerüstet vor uns, um sich ein herzhaftes Bekenntnis zu seinem Looser-Dasein abzuringen, das er so lang und laut mit musikalischer Unterstützung vorbringt, bis er selber daran glaubt. Die Grundidee der 70minütigen Performance ist so simpel wie überzeugend und man verläßt das Theater mit dem unheimlichen Gefühl, dass wir selber es sind, denen die Kleider vom Leib gerissen wurden, während „Der Nackte“ seine Blößen bedeckte." |
| Kritiken zu "Man soll mich doch in Ruhe scheissen lassen"(KINETIS 5) |
| "Allein im leeren Raum Ein Abend über Antonin Artaud Artaud. Geboren 1896, gestorben 1948. Er proklamierte das „Theater der Grausamkeit“, wobei Grausamkeit nicht unbedingt für Gewalttätigkeit steht, sondern für Absolutheit. Jahrzehntelang fast vergessen, ist er jetzt plötzlich wieder in Mode. Nur ein Beispiel: Erst im Mai brachte das Burgtheater im Kasino das Artaud-Projekt „Die Nervenwaage“ heraus. Jetzt zeigt die Off-Plattform dieTheater in der Spielstätte im Konzerthaus die Artaud-Collage „Man soll mich doch in Ruhe scheißen lassen“ des Theater Kinetis. Wie auch die Burg-Produktion setzt diese Inszenierung auf furioses, teilweise akrobatisches Bewegungstheater, um die doch oft sehr abstrakten Texte zu dramatisieren. Im Gegensatz zur Materialschlacht im Kasino agieren im Konzerthaus zwei Darsteller auf sich allein gestellt im leeren Raum. Aus theoretischen Texten, Szenen, Briefen und anderen Schriften Artauds montierte Regisseurin Dana Csapo einen Dialog zwischen „Geist“ (Boris Pietsch) und „Körper“ Holger Schober, den die Akteure fulminant umsetzen. Eine bemerkenswerte Arbeit." Guido Tartarotti im Kurier |
| Kritiken zu "Hamlets Birthday"(KINETIS 3) |
| "Angenommen, Hamlet hat Geburtstag-und keiner geht hin. Bedauerlich! Peinlich? Ja, schon, aber nicht wirklich, denn diese Augenblicke ersten Erstaunens und kindlicher Unsicherheit werden von Hamlet jugendlich-linkisch (gekonnt: Holger Schober) und doch standesgemäß diplomatisch umgehend genützt: als Introduktion in "Hamlets Birthday", in Ort, Zeit und handelnde Personen des (Original-)Stückes; und insbesondere als Einstimmung auf einen Hamlet aus Fleisch und Blut, auf einen 21-Jährigen, der(...) seine Masken ablegt-die tradierten-um neue aufzusetzen, unter denen er zu räsonieren beginnt: als Mensch namens Hamlet und als Schauspieler. (...) Text-Bearbeiter/-Verfasser Holger Schober nützt diese und andere Gegebenheiten geschickt und schlüssig, findet ungekünstelt von den aktuellen Realitätsebenen der Eingangssituation zu den folgenden, intelektuellen." Neue Zeit |
| Kritiken zu "Wer war Ulrike Meinhof"(KINETIS 2) |
| "Eine Frau steht in völliger Dunkelheit auf der Bühne – die von ihr verkörperte Figur mußte die ersten elf Jahre ihrer Kindheit in Hitlerdeutschland verbringen: und so steigt ein Pandämonium an Geräuschen empor zu einer akustischen Quintessenz des Dritten Reichs in drei Minuten; und wenn gleich darauf Heinz Erhards musikalische Aufforderung „Laßt uns wieder vertragen“ ertönt, reagiert man äußerst unverträglich darauf. Das ist nur ein erstes Beispiel für eine Reihe von geschickten und geglückten Regieeinfällen in der Handhabung authentischer Tondokumente. Ebenso eindrucksvoll und zugleich schlicht präsentiert sich die Bühne selbst: Zeitungsblätter von „Bild“ und „Welt“ pflastern den Boden und grenzen das Aktionsfeld für die Schauspielerin ab; auf drei kleinen Podesten hingegen finden sich Requisiten, die auf drei Lebensbereiche der Ulrike Meinhof hindeuten – rechts zwei Teddybären als Zeichen für ihre beiden Kinder; im Hintergrund eine Schreibmaschine zur Kennzeichnung ihrer journalistischen Tätigkeit; links schließlich eine Pistole zu der sie greifen wird, nachdem ihr das Schreiben gegen ein repressives System als keine Lösung mehr erscheint. Dana Csapos Inszenierung läßt Meinhofs Entwicklungsweg in seiner logischen und unausweichlichen Konsequenz nachvollziehbar werden und bietet – nicht zuletzt dank einer kongenialen Julia Köhler - engagiertes politisches Theater, das keinen kalt läßt." Franco Schedl für yumyum.cc |
| Kritiken zu "Ein Sommernachtstraum(a)"(KINETIS 1) |
| "Wer erwartet hatte, einen Shakespeare-Abend zu erleben, kam nicht auf seine Rechnung. Wer jedoch für neue Interpretationen klassischer Texte und Denkanstöße offen ist, dem wurde ein vergnügliches Theatererlebnis beschert. Die sehr freie Bearbeitung des Zaubermärchens der gleichermaßen engagierten wie talentierten Theatergruppe KINETIS zeigt die Ziellosigkeit von Shakespeares wohl poesivollstem Stück über die Liebe. Geschickt werden Originaltexte mit doppelsinnigen Dialogen von Angestellten der Ehevermittlungsagentur "Summernite" vermengt, wechseln einander klassisches Versmaß mit realistisch beinharten Kommerzsketches ab. Puck, im skakespearschen Konzept der Diener des Elfenkönigs Oberon, erlebt als Archivar der Agentur die sich überschneidenden Grenzen zwischen der Illusion Liebender und dem Drama der oft allzu ernüchternden Wirklichkeit. Er flüchtet in eine Traumwelt, in der er Puck der Waldgeist ist und wo er in seinen Sommernachtsträumen Annalogien zum Hier und Heute herzustellen versucht. Trillerpfeifen und Evergreens der Schlagerwelt dienen als digitale Portale zwischen den beiden Welten. (....)Optisch paßt die Vorstellung des kleinen Elfs Puck wohl kaum zu dem aus Judenburg stammenden fast 2-Meter-Riesen Holger Schober. Doch durch Einfühlungsvermögen und das Wissen um pointierte Nuancierung gestaltet er die Gratwanderung zwischen den beiden Welten absolut glaubhaft. Seine beachtliche Gesangsstimme läßt zwar hin und wieder (gewollt?)falsche Töne anklingen, doch gelingt es ihm gekonnt, mit Elvis Presleys "Are you lonesome tonight" die zeitlose, ewig gültige Botschaft menschlicher Einsamkeit zu vermitteln. (...) Dana Csapo hat diese Produktion mit viel Engagement und Knowhow inszeniert." Obersteirische Nachrichten |