Der Bau (Programmhefttexte)
Der Bau
nach Franz Kafka
Es spielt: Hajo Fickus
Inszenierung: Hajo Fickus / Monika Schüler
Technik: Monika Schüler
Dauer: ca. 95 Minuten.
Pause nach dem ersten Teil.
Eine Produktion der Theatergruppe Kiesel
Homepage: www.theaternetz.org/theatergruppekiesel
E-Mail: kieseltheater@aol.com
Die Erzählung „Der Bau“ entstand 1924, im letzten Lebensjahr Franz Kafkas (geboren 1883 in Prag), als er - unter ärmlichen materiellen Umständen und bereits von der tödlichen Lungenkrankheit gezeichnet - mit seiner letzten Lebensgefährtin Dora Diamant in Berlin lebte. Von der ursprünglich wohl fertig gestellten Erzählung ist der Schlussteil offensichtlich verloren gegangen.
Oft dachte ich schon daran, daß es die beste Lebensweise für mich wäre, mit Schreibzeug und einer Lampe im innersten Raume eines ausgedehnten Kellers zu sein. Das Essen brächte man mir[,] stellte es immer weit von meinen Räumen entfernt hinter der äußersten Tür des Kellers nieder. Der Weg zum Essen, im Schlafrock, durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spaziergang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und mit Bedacht essen und gleich wieder zu schreiben anfangen. Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde! Ohne Anstrengung! Denn äußerste Koncentration kennt keine Anstrengung.
Franz Kafka (Brief an die Braut Felice Bauer)
Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt, durch das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstüre wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katarrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte.
Franz Kafka (Großer Lärm, veröffentlicht 1913)
Ich bin nicht nur durch meine äußerlichen Verhältnisse, sondern noch viel mehr durch mein eigentliches Wesen ein verschlossener, schweigsamer, ungeselliger unzufriedener Mensch, ohne dies aber für mich als ein Unglück bezeichnen zu können, denn es ist nur der Widerschein meines Zieles. Aus meiner Lebensweise, die ich zu Hause führe lassen sich doch wenigstens Schlüsse ziehn. Nun, ich Lebe in meiner Familie, den besten und liebevollsten Menschen, fremder als ein Fremder. Mit meiner Mutter habe ich in den letzten Jahren durchschnittlich nicht zwanzig Worte täglich gesprochen, mit meinem Vater kaum jemals mehr als Grußworte gewechselt. Mit meinen verheirateten Schwestern und den Schwägern spreche ich gar nicht, ohne etwa mit ihnen böse zu sein. Der Grund dessen ist einfach der, daß ich mit ihnen nicht das Allergeringste zu sprechen habe. Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich und ich hasse es, denn es stört mich oder hält mich auf, wenn auch nur vermeintlich. Für Familienleben fehlt mir dabei jeder Sinn, außer der des Beobachters im besten Fall. Verwandtengefühl habe ich keines, in Besuchen sehe ich förmlich gegen mich gerichtete Bosheit.
Franz Kafka (Entwurf eines Briefes an Carl Bauer, den Vater der Braut)
Der Bau – revisited
Es ist ein merkwürdiges Gefühll, ein „altes“ Stück nach über 10 Jahren neu zu spielen. Noch immer fasziniert mich die Geschichte, noch immer empfinde ich die merkwürdige Spannung zwischen völiger Fremdheit und Identifikations-Sog. Manches lese ich heute anders, glaube es vielleicht auch besser zu verstehen als früher; andere Assoziationen stellen sich bei der Lektüre ein; man entdeckt vieles neu im scheinbar wohl vertrauten Text, was man damals als uninteressant abgetan und getrichen hat – ach ja, man ist älter geworden, wenn man optimistich wäre, könnte man an einen Gewinn an Lebenserfahrung glauben.
Und doch wundert man sich dann doch auch wieder darüber, wie schnell und scheinbar automatisch sich oft der gleiche Tonfall wie damals wieder einstellt, wie häufig die eigene Phantasie von den selben Sätzen bei den Proben wieder zu den gleichen oder doch ähnlichen Lösungen getrieben wird.
Meine erste Fassung des Kafkaschen „Bau“ hatte im September 1991 im Wangener Kornhaus Premiere. Es war nicht nur meine erste theatermäßige Beschäftigung mit Kafka, sondern auch mein erster wirklicher Solo-Theaterauftritt. Schon lange hatte der Text zuvor in meinen virtuellen Schubladen geruht, schon lange war mir klar gewesen, dass es der „Bau“ sein würde, wenn ich einmal Mut und Gelegenheit haben würde, etwas „alleine“ zu machen.
Die Vorbereitung, unterstützt von Monika, dauerte ca. ein halbes Jahr; die Textfassung (etwa 60 Prozent des Kafkaschen Originals) wurde relativ schnell erarbeitet, konzeptionelle Überlegungen, Proben und immer wieder die Rekapitulation des kafkaschen Textes wechselten sich ab. Frustrationen und Verzweiflungsanfälle blieben nicht aus, nichts Ungewöhnliches bei Theaterprojekten, aber dieses Mal holte mich doch die Angst vor der eigene Courage und vor dem bedrohlich auftragenden Textgebirge, das Gefühl der hybriden Selbstüberschätzung immer wieder in besonderem Maße ein.
Aber der physische und psychische Kraftakt gelang – der „Dachs“, wie wir Kafkas Menschentier von Anfang an intern genannte hatten, ohne es zoologisch genau festlegen zu wollen, begann zu leben und die Intensität der Proben teilte sich offenbar auch vielen Zuschauern als intensives Theatererlebnis mit.
1993 nahm ich den „Bau“ dann als Teil des „Kiesel“-Jubilumsprogramms wieder auf. Dann war Schluss, das Stück für Wangen „abgespielt“, andere Spielorte kamen nicht in Frage, da die Inszenierung zu sehr für das Kornhaus mit seiner Galerie, seinen Treppen und Winkeln eingerichtet.
Es hätte mich zwar sehr gereizt eine veränderte, „mobilere“ Gastspiel-Fassung zu machen, die Überlegungen wurden immer wieder verworfen, da sie immer nur zu unbefriedigenden Halbherzigkeiten führten.
Erst 2003 ergab sich im Jakobustheater Karlsruhe die glückliche Möglichkeit einer völligen Neuinszenierung, wiederum für einen speziellen Raum eingerichtet und damit natürlich auch nicht auf andere Spielorte übertragbar.
Und jetzt also wieder im Wangener Kornhaus, kein Remake der Fassung von 1991, sondern von Textfassung und Inszenierung her eine eigenständige dritte Version.
H. F.
Was will ich? Was tue ich? Es ist etwa so: ich, Waldtier, war ja damals kaum im Wald, lag irgendwo in einer schmutzigen Grube (schmutzig nur infolge meiner Gegenwart, natürlich), da sah ich Dich draußen im Freien, das Wunderbarste, was ich je gesehen hatte, ich vergaß alles, vergaß mich ganz und gar, stand auf, kam näher, ängstlich zwar in dieser neuen und doch heimatlichen Freiheit, kam aber doch näher, kam bis zu Dir, Du warst so gut, ich duckte mich bei Dir nieder, als ob ich es dürfte, ich legte das Gesicht in Deine Hand, ich war so glücklich, so stolz, so frei, so mächtig, so zuhause, immer wieder dieses: so zuhause aber im Grunde war ich doch nur das Tier, gehörte doch nur in den Wald, lebte hier im Freien doch nur durch Deine Gnade, las, ohne es zu wissen (denn ich hatte ja alles vergessen) mein Schicksal von Deinen Augen ab. Das konnte nicht dauern.
Franz Kafka (Brief an Milena Jesenska)
Franz Kafka und das Theater
Kafka war interessiert am Theater und kannte als gelegentlicher Theaterbesucher die zeitgenössische Dramatik etwa von Ibsen, Strindberg, Wedekind und Werfel. Eines der Schlüsselerlebnisse in seinem Leben, von dem er noch Jahre später fast euphorisch berichtete, war die Bekanntschaft mit einer ostjüdischen Tourneetheatergruppe, die Ende 1911 in Prag gastierte. Mit dem Schauspieler Jizchak Löwy, einen Mitglied dieser Truppe, verband ihn eine jahrelange Freundschaft.
Aber Kafka war selbst kein Dramatiker, seine szenischen Versuche („Gruftwächter“-Fragment) bleiben genau so episodich wie seine wenigen lyrischen Texte. Und dennoch gehört Kafka heute zu den meist gespielten Autoren auf den Bühnen der Welt. Schon sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod hat sich an Dramatisierungen des „Prozess“ und des „Schloß"-Romans versucht, und seither haben immer wieder Autoren, Regisseure und Schauspieler das Experiment gewagt, Werke von Kafka auf die Bühne zu bringen. Genannt seien hier etwa die „Prozess“ Bearbeitungen von André Gide, von Peter Weiss oder von Jan Grossmann; George Taboris aufsehenerregende Inszenierungen der „Verwandlung" und des "Hungerkünstlers" und die vielen szenischen Darstellungen des Monologs „Ein Bericht für eine Akademie" Auch Texte wie „In der Strafkolonie", „Josephine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse", „Amerika" und viele andere wurden für die Bühne adaptiert.
Ich will nur Ruhe, aber eine Ruhe, für welche den Leuten der Begriff fehlt. Sehr verständlich, kein Mensch braucht im gewöhnlichen Haushalt die Ruhe, die ich brauche; zum Lesen, zum Lernen, zum Schlafen, zu nichts braucht man die Ruhe, die ich zum Schreiben brauche.
Franz Kafka (Brief an Felice Bauer)
Gehäuse. Die Kunstgeschichte lokalisiert Hieronymus „im Gehäuse“, währenddessen Max Weber das „stählerne Gehäuse moderner Hörigkeit“ bejammert. Aus beiden Fällen läßt sich ohne allzuviel Gewalt die Folgerung ziehen, mit dem Verlust der Wirklichkeit gehe die Einschalung, der Rückzug in die Innenwelten, ins Häusliche einher. Und dieses Innen verteidigt sich mit tollwütigen Bissen gegen das Außen, ja gegen die bloße Annahme, es gäbe überhaupt ein solches Außen, ein Anderes. Die Polemiken des Hieronymus im Gehäuse und die Brandreden moderner Rückzügler aus der Welt der Simulation in die Sicherheit ihrer Ideologien (es brauchen nicht unbedingt family values zu sein) sprechen eine ähnliche Sprache. Übrigens ist es keine seltene Todesart, gleich einer Schildkröte in seinem Panzer zu vertrocknen. Ein Romancier würde genüßlich ausmalen, wie wir uns heute nicht unähnlich den letzten Kaisern von Trapezunt im Zeremoniell unserer Gehäuslichkeit langsam erdrosseln.
Sozialphobie. Der Vereinigung der Amerikanischen Psychiater gibt die epidemische Verbreitung einer mit dem Namen „Sozialphobie“ bedachten Krankheit in hochindustrialisierten Ländern zu großer Sorge Anlaß. Das Joch dieses Leidens, das als hochgradige Scheu vor der Interaktion mit der Mitwelt beschrieben wird, soll bereits 13 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung, satte 36 Millionen Menschen, niederdrücken, Kleinkinder und Greise nicht mitgerechnet. Aber zum Glück ist Rettung nah: Die wackeren Aufklärer von der Vereinigung der Amerikanischen Psychiater haben sich, im Dienste des Gemeinwohls aufopferungsbereit, mit der Pharmaindustrie zu einem Trutzbündnis zusammengeschlossen, das der furchtbaren Bedrohung, die Menschen könnten sich in ihre Innerlichkeit zurückziehen, mit allen Mitteln - soll heißen: Psychopharmaka - den Endkampf ansagt. Man male sich aus, die Sozialphobie griffe derart um sich, daß die Leute es nicht einmal mehr wagen, ihren Psychiater, der bisher Mitwelt ausmachte, aufzusuchen, um sich von ihm ein Apotropäum verschreiben zu lassen! Unsere furchtlosen Ritter gegen die apokalyptische Plage sähen sich unverhofft selber zu einer Einsamkeit verurteilt, die eigentlich nur eine Diagnose zuläßt: unheilbare Sozialphobie.
Andreas Urs Sommer: Die Kunst, selber zu denken. Ein philosophischer Dictionnaire: Frankfurt am Main 2002.
Wenn man über Kafka spricht, spricht man über sich selbst. Was immer man über K. sagt, hat er selber besser gesagt. Man möchte ihn kennen und erkennen; aber je mehr man über ihn weiß, desto größer wird die Unwissenheit. Wir sind, im Gegensatz zu ihm, zu feig, die letzte Tür zu öffnen. Unser Mandat heißt, den Anderen kennenzulernen, wir tun es nie, weil die sogenannte Wahrheit – nicht nur über K., auch über Vater oder Kind oder die Geliebte – schrecklich ist, wenn man jene Türe öffnet.
Wieso sprach dieser Prager Provinzjude mit der universellsten Stimme seiner Zeit? Milena Jesenskas Abschiedsgruß ist so schön, daß jeder Liebende sich wünschen sollte, eine Milena bei sich zu haben. „Nur wenige Menschen kannten ihn hier, denn er war ein Einzelgänger, ein wissender, von der Welt erschreckter Mensch… Er schrieb die bedeutendsten Bücher der jungen deutschen Literatur; das Ringen der heutigen Generation in der gesamten Welt ist in ihnen, wenn auch ohne tendenziöse Worte. Sie sind wahr, nackt und schmerzhaft… Sie sind voll trockenem Hohn und sensibler Sicht eines Menschen, der die Welt so klar erblickt hat, daß er es nicht ertragen hat und sterben mußte…“
Für mich ist er ein Prophet. Seit seinem Tod ist für mich nichts Wesentliches geschehen, in den Straßen, in den Wohnzimmern, in den Lagern, in den Betten, was er nicht beschrieben hat. Der Prophet, meint Hermann Hesse, ist krank, ein gebrannter Kindmensch mit so vielen Wunden, die auch unsere sind. Wenn man sich ihm öffnet, stürzt man in die Grube der eigenen Biographie. Nur der Paranoiker kennt die Wahrheit dieser finsteren Zeit. Das klingt schlimm, aber nicht so schlimm wie der verlogene Optimismus der „Tauben, die sich sicher fühlen“. Wenn man K. begegnet, könnte man das Schlimmte überleben, und man wird frei von den Verfolgern und der „Angst, die den Menschen menschlich macht.“
George Tabori
Franz Kafka: Der Bau (Link zum Text)
Kritik von Babette Caesar (Schwäbische Zeitung vom 13. 04. 2004)
Zurück zur Startseite