DER BAU

Kritik von Babette Caesar (Schwäbische Zeitung vom 13. 04. 2004):

FASZINIERENDE KAFKA-INTERPRETATION

WANGEN - Kafka, der wie kaum ein zweiter Autor die Existenzbedingungen des Menschen in der Moderne unerbittlich zum Ausdruck brachte, hat nicht eigentlich für die Bühne geschrieben. Doch liegt in der Komplexität seiner Person wie seiner Werke der immer wiederkehrende Reiz, diese zu inszenieren. Die Bühnenfassung von "Der Bau", 1924 im letzten Lebensjahr Kafkas als Erzählung entstanden, gab es am Sonntagabend mit der Theatergruppe Kiesel in der Kornhaus Bücherei.

Gerade Kafka und zudem dieser Monolog aus grotesker, doch wirklich erlebter Bedrohung und erlösendem Witz musste es sein, den sich Hajo Fickus im September 1991 für seine Premiere als Solo-Theaterauftritt ausgesucht hatte - an demselben Ort, wo es jetzt die mittlerweile dritte Version dieses Kafkaschen Textgebirges zu sehen und zu hören ist. Die Räumlichkeiten in der Bücherei mit den Treppen und Gängen eignen sich nach wie vor bestens für die Inszenierung (zusammen mit Monika Schüler) dieses unterirdischen Labyrinths, in dem das kahlgeschorene Menschentier lebt, lauert, frisst, auf die Jagd nach den kleinen Viechern geht und alles sorgsamst auf dem zentralen Burgplatz hortet, um es ja nicht aus den Augen zu verlieren. Regelmäßig horcht es direkt unter der Moosdecke, bevor sich zu einer Reise in die Oberwelt gewagt wird.

Kafkas Wesen scheint am Ziel seiner Träume angekommen zu sein, hat sich die unendliche Stille fernab alltäglichen Lärms errungen, doch trotz allen Friedens will die Bedrohung von außen nicht verschwinden. Ist sie in der Vorstellung unaufhörlich präsent, muss mit neuen Verteidigungsvorbereitungen gegen die Fehler des Baus angegangen werden. Fickus lebt diese Rolle, keucht und stöhnt unter der Last der Säcke, die gehetzt von einem Reservevorratsplatz zum anderen geschleppt werden, dazwischen ein ohrenbetäubendes Fressgelage, wenn ihn die große Gesamtanhäufung seiner Leckereien mal wieder zu Rauschhaftem verführt hat. Ja, es könnte ihm eigentlich gut gehen, diesem "Dachs", wie die Kiesels ihren Hauptdarsteller von Anfang an intern nannten, wenn nicht nur die nächste Eventualität dazwischen käme.

Ein Resümee Kafkas Lebens

Kafkas "Bau" scheint wie ein Resümee seines Lebens, seiner Sehnsucht nach Ruhe, einer Ruhe, für welche den Leuten der Begriff fehlt, die er im innersten Raume eines ausgedehnten Kellers, versehen mit Schreibzeug und einer Lampe, sich zu erhoffen träumte. Herausragend Fickus selbsterklärerisches Schwanken zwischen eigener beschwichtigender Ruhigstellung und zermürbenden Zweifeln am eben noch Geglaubten, gipfelnd vor der Pause in einem fanatischen Wutausbruch gegen alle Waldbrüder, die über sein Moos laufen - zerreißen und zerfleischen das Lumpenpack, das doch aber unschuldig ist. Alle Bewachung von außen hilft nichts gegen die vielen Feinde und Helfershelfer, denn sitzt man draußen vor der Tür, weiß man wiederum nicht was im Bau geschieht. "Es soll still sein in meinen Gängen" - totenstill und genau das Gegenteil tritt ein. Ein namensloses Zischen, ein Tier oder gleich mehrere, nur wie kann es Tag und Nacht in gleicher Kraft und Frische graben?

Kafkas Wesen ist endgültig gefangen in sich selbst, ausgeliefert dem eigenen Wahn, läuft und läuft die Galerie der Bücherei rauf und runter, ringt und macht jede gerade neu erdachte Lösung sofort zunichte. "Hier rüttelt doch jeder Augenblick am Horcher" erkennt Fickus am Ende in Kafkascher Klarheit, verkriecht sich in seinen geliebten Erdhaufen mit dem Fazit "Ich habe den Bau eingerichtet. Er scheint wohl gelungen." Ohne Frage ist Hajo Fickus von diesem Stück bis heute fasziniert, von dem Kraftakt an die eigene Courage, den die Umsetzung auf der Bühne verlangt und eben dieses Textgebirge zu einem spannend verdichteten Theaterabend anwachsen lässt.

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Franz Kafka: Der Bau (Link zum Text)


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